Erfahrungebericht Kent - Sonja Lorenz

Vereinigtes Königreich – England – University of Kent, Canterbury – WS 2005/2006

Die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke, die man während eines Studienaufenthaltes im Ausland sammelt, sind größtenteils kaum vorstell- und vorhersehbar und gehen weit über die übliche Erwartungshaltung Studierender – nämlich Vertiefung der Sprache bzw. ein „Kennenlernen von Land und Leuten“ - hinaus. Die Zeit an der University of Kent in Canterbury im südöstlichsten Zipfel der Britischen Inseln wird mir für immer als ein unvergessliches Erlebnis in Erinnerung bleiben.

Als Lehramtsstudentin für Realschule wollte ich auf jeden Fall ein Semester im englischsprachigen Ausland verbringen, da ich bereits während meiner Schulzeit festgestellt habe, dass man eine Sprache wirklich nur richtig lernen kann, wenn man sie im alltäglichen Gebrauch mit Native Speakern auch spricht! Daneben wollte ich – vor allem wegen den Ergebnissen der PISA-Studie - Einblicke in das Schulsystem und die Lehr- und Lernweise der Briten gewinnen.

Bereits vor meiner Bewerbung für ein ERASMUS Stipendium habe ich mich auf den Internetseiten des Anglistik-Lehrstuhls der FAU über die möglichen Universitäten informiert. Dabei stach mir sofort die University of Kent ins Auge, eine für britische Verhältnisse noch sehr junge Universität (gegründet 1965) im Süden von London, für die ich mich auch direkt beworben habe. Hier besteht die Möglichkeit an die englische Sprache über zwei verschiedene Lehrstühle heranzugehen: Die School of English, die sich hauptsächlich mit Literaturwissenschaften beschäftigt und die School of English Language and Culture, mit einem hervorragenden Ruf auf dem Gebiet der Soziolinguistik. So hat es mich sehr gefreut den Studienplatz in Canterbury angeboten bekommen zu haben.

Nachdem man die wirklich informativen Unterlagen der UKC per Post erhalten hat, sollte man sich unbedingt für eine On-Campus Accommodation bewerben – meiner Erfahrung nach werden Austauschstudenten auch immer berücksichtigt. Man hat die Auswahl zwischen verschiedenen Unterkunftsmöglichkeiten – vom College-Zimmer inkl. Frühstück) über ein Zimmer mit integriertem Bad zur Selbstversorgung bis hin zu einer 5er oder 6er WG. Und überraschenderweise ist die günstigste Alternative die beste: Parkwood.

Parkwood ist eine Art Studentendorf direkt neben der University of Kent. Eingebettet in eine wunderschöne Grünanlage liegen die Courts, bestehend aus bis zu 28 kleinen, typisch englischen Backsteinhäusern in denen 5 oder 6 Studenten zusammenwohnen. Die Zimmergrößen sind absolut ausreichend, im Haus gibt es noch eine Küche (allerdings ohne Geschirr und Töpfe, auch wenn das im Prospekt steht!) und ein Bad. Neben dem Campus-Shop, in dem es alle Grundnahrungsmittel und Notfallequipment (Nadel, Faden, Eurostecker, Regenschirme, Jacken, Nägel etc.) zu kaufen gibt, findet man in Parkwood noch einen Pub (Woody's Bar) und 2 Laundries. Leider fehlt fast jede Möglichkeit seine Wäsche nach dem Waschen auch aufzuhängen, in den Zimmern ist das Anbringen einer Wäscheleine ebenfalls unmöglich.

Das Leben in Parkwood ist wunderschön aber man sollte eines wissen: dort wohnen nur Studenten, für die das Universitätsleben gerade begonnen hat (sie sind also 18 oder 19 Jahre alt) oder aus dem Ausland kommen. Deshalb ist es unerlässlich solche Dinge wie Ohropax mitzunehmen!

Außerdem sollten die beiden Türen des Hauses aus folgendem Grund immer abgeschlossen bleiben:

Wenn man ohne Auto in Canterbury angekommen ist, ist die Versorgung mit Essen relativ schwierig bzw. langwierig. Der Campus liegt ca. 30 – 45 Gehminuten (je nachdem, wo man wohnt) von den Supermärkten entfernt auf einem Hügel. Man kann zwar mit dem Bus in die Stadt fahren (2 günstige Supermärkte liegen direkt neben der Canterbury Bus Station), das ist auf die Dauer aber sehr teuer. Deswegen ist es ein beliebtes Hobby unter den Studenten zu kontrollieren, welche Türen nicht abgeschlossen sind, die Küchen zu infiltrieren und alles Essbare zu entwenden (alle anderen Dinge bleiben unangetastet).

Um sich in seiner neuen Behausung richtig einzurichten braucht man mehr, als es in einem Koffer im Flugzeug erlaubt wäre mitzunehmen. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten sein Leben zu organisieren. Entweder man fährt mit einem Auto nach Kent (was wirklich sehr empfehlenswert ist, Parkmöglichkeiten sind vorhanden), nimmt einen internationalen Bus, in dem immerhin 60 kg Gepäck erlaubt sind oder man lässt sich alles Nötige mit der Post nachschicken. Allerdings sollte man sich auch frühzeitig Gedanken darüber machen, wie man die Sachen wieder nach Hause bekommt!

Die medizinische Versorgung ist durch den NHS (National Health Service) kostenlos gewährleistet. Um sich dort zu registrieren sollte man den frühest möglichen Zeitpunkt wählen, da man gerade in der ersten Woche, der so genannten Fresher's Week, schnell mit der englischen Vorliebe des ‚queuing' – also Schlange stehen – Bekanntschaft schließen muss. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der NHS erst dann wirklich Maßnahmen ergreift, wenn einem schon ein Arm fehlt und selbst dann kann es einem passieren, dass man in aller Seelenruhe erst mal von einem Krankenhaus in das nächste verwiesen wird – oder einfach nur starke Schmerzmittel erhält und einen mitleidigen Blick. Die beste Lösung hierzu: einfach versuchen nicht krank zu werden!

Einige Zeit vor der Anreise muss man sich in Deutschland bereist mit einem Learning Agreement Kurse aus dem Angebot der UKC aussuchen. Unbedingt in Anspruch nehmen sollte man die Möglichkeit so genannte ‚Wild Modules' aus anderen Studiengebieten zu wählen. Wenn man also Englisch studiert ist es durchaus nicht unüblich auch einen Kurs aus Geschichte oder Philosophie zu besuchen (vor allem die jüngere britische Geschichte in Verbindung zu Europa ist unglaublich interessant und bietet einen Blick auf die Geschehnisse aus einer teilweise vollkommen neuen Perspektive!). Leider ist es auch so, dass die Beschreibungen der Seminare im Prospectus ein wenig in die Irre führen können. Die tatsächliche Lehrveranstaltung kann sich als komplett andersartig – aber nicht minder interessant - herausstellen, als man das erwartet hat. Mit einem literaturwissenschaftlichen Kurs der Stufe III macht man aber sicherlich nichts verkehrt und gerade die Abschlussklausur im 3. Term hat es in sich – gerne lassen die Dozenten den Inhalt von bis zu 20 Tragedies oder Comedies auswendig lernen.

Das Niveau der Kurse selbst liegt unter dem in Deutschland, davon sollte man sich allerdings nicht verleiten lassen eine ruhige Kugel zu schieben. Während des Semesters wird die Abgabe mehrerer Essays in jedem Kurs verlangt. Einen solchen Essay anzufertigen erfordert einen enormen Zeitaufwand, da vor allem in literaturwissenschaftlichen Seminaren eine große Bandbreite an Primär- und Sekundärliteratur erwartet wird. Man sollte sich in der Planung seiner Leistungsnachweise zeitlich auf keinen Fall mit dem breiten Spektrum an Freizeitmöglichkeiten verheddern, was aber gar nicht so einfach ist. Ich habe also an der UKC nicht nur Englisch gelernt, sondern auch eine komplett neue Form des Zeitmanagements, Lesens, Forschens und akademischen Schreibens.

Die Angebote auf dem Campus sich vom Lese- und Lernstress zu erholen sind breit gefächert, am besten man informiert sich vorab schon auf der Homepage der UKC, www.kent.ac.uk unter Student Portal/Having Fun. Sehr empfehlenswert ist es sich in eine der Sport-Societies einzutragen – die Möglichkeiten vor Ort lassen wirklich keine Wünsche offen. Dabei ist es überhaupt nicht relevant, ob man in der Sportart bereits Erfahrung hat oder nicht. Einen sehr guten Einblick in einen typisch britischen Universitätssport kann man in der Rowing oder Rugby Society gewinnen.

Für weniger sportliche Studenten gibt es noch eine Vielzahl andersartiger Clubs und Societies – Debatierclubs, Socs für jeden ethischen und religiösen Hintergrund oder Musikgeschmack. Sehr interessant ist zum Beispiel die ‚Medieval Soc', in der man Schwertkämpfen und Bogenschießen lernt oder die Salsa Society, welche drei Mal die Woche Tanzkurse und freie Salsaabende veranstaltet. Wer gerne mehr von England sehen möchte, kann der Caving-Soc beitreten, eine Society, die drei oder vier Mal im Jahr auf eine große Wandertour geht. Für ausländische Studenten ist die ERASMUS Soc eine wirklich gute Möglichkeit Kontakte zu gleich gesinnten Studenten zu knüpfen und außerdem enorm preiswert (und das ist auf der Insel selten) in England und Schottland herumzukommen, kostenlos Filme zu sehen oder an Partys teilzunehmen.

Studenten mit einem Interesse an klassischer Musik oder Jazz sei die Music Soc ans Herz gelegt. Mehrere Chöre, Big Bands und Orchester bieten die Möglichkeit wirklich gute und hochwertige Musik zu machen. Am Ende des 2. Terms findet ein großes Konzert in der Canterbury Cathedral statt, welches den absoluten Höhepunkt des musikalischen Schaffens an der UKC bietet.

Die Canterbury Cathedral ist Dreh- und Angelpunkt weiterer großartiger Veranstaltungen und Konzerte, die über das Jahr verteilt stattfinden. Unbedingt erwähnt sein sollte der Christmas-Carol Service vor Weihnachten, der konfessionsübergreifende Gottesdienst in einer nur mit Kerzenlicht beleuchteten Kathedrale. Hier befindet sich auch eine Bibliothek, die einen Großteil der von Mönchen im Mittelalter hergestellten Bücher beherbergt, welche nach vorheriger Terminabsprache besichtigt und auch gelesen werden können.

Alles in Allem dauert es leider seine Zeit, bis man einen groben Überblick über das Gesamt-Angebot gewonnen hat und auch wirklich in der richtigen Society gelandet ist. Es kam mir so vor, als ob man genau in dem Moment, in dem man sich auskennt, weiß, wie alles zu handeln ist und sich richtig zu Hause fühlt, wieder nach Hause müsste. Hat man also die finanziellen Mittel zur Verfügung ist es in jedem Fall unbedingt empfehlenswert den 9-montigen Aufenthalt über 3 Terms zu wählen.

Die Zeit, die ich an der University of Kent in Canterbury verbringen durfte, habe ich unglaublich genossen. Der Arbeitsaufwand war zwar enorm und das Leben einfach unglaublich teuer - man kann in etwa mit dem 1,5-fachen dessen rechnen, was man in Deutschland zum Leben braucht, auch darf man nicht vergessen, dass sich die Engländer wirklich alles teuer bezahlen lassen – aber die wunderbaren Erfahrungen und Menschen in Großbritannien waren alles Arbeiten und ausgegebene Geld wert.

 

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Seite zuletzt aktualisiert am 05.11.2010
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